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Landwirtschaft in der Ukraine – eine Herausforderung für Europa?

  • Die Ukraine – ein liebenswertes Land

  • Land und Bevölkerung

Das Land hat eine Fläche von 603.700 km² (Österreich – 83.700 km², Deutschland – 357.000 km²) und hat 46,7 Mio. Einwohner.

Die Bevölkerung besteht zu 78 % aus Ukrainern, 17 % Russen und der Rest aus anderen Volksgruppen.

73 % der Bevölkerung geben ukrainisch als Muttersprache an, 74,4 % (vor allem im Osten und Süden des Landes) sprechen  russisch.

Von der Mentalität sind die Ukrainer eher vorsichtig abwartend, manchmal lange misstrauisch, aber sehr gastfreundlich und herzlich.

Der Ukrainer zählt sehr viel auf Freundschaft, verzeiht aber nur schwer, wenn er enttäuscht wird.

  • Politische Entwicklung

Nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 wurde Leonid Krawtschuk der 1. Präsident der Ukraine.

Von 1994 bis 2004 war Leonid Kutschma für 2 Perioden zum Präsidenten gewählt.

Bei der Wahl im Herbst 2004 wurde vorerst der von L. Kutschma unterstützte russlandtreue Viktor Janukowitsch zum Sieger erklärt. Aufgrund von angeblichen Ungereimtheiten kam es im Spätherbst 2004 zur „Orangen Revolution“, sodass die Wahl im Dezember 2004 wiederholt wurde.

Das prowestliche orange Bündnis mit Viktor Juschtschenko und der fast charismatischen Julia Timoschenko erreichte dabei 51,99 % der Stimmen.

Viktor Juschtschenko wurde Staatspräsident und Julia Timoschenko wurde als Ministerpräsidenten eingesetzt.

Aufgrund von Korruptionsvorwürfen wurde im Herbst 2005 die Regierung unter Ministerpräsidentin Julia Timoschenko entlassen und eine neue Regierung mit Ministerpräsident Jechanurow gebildet.

Bei der Parlamentswahl im Frühjahr 2006 traten 45 Parteien an. Es konnten jedoch nur 5 Parteien die 3%-Hürde erreichen.

Die „Partei der Nationen“ des prorussischen Kandidaten V. Janukowitsch erreichte 36,12 % der Stimmen. Der „Block Julia Timoschenko“ bekam 22,27 % der Stimmen, „Unsere Ukraine“ von V. Juschtschenko kam nur auf 13,94 % Stimmenanteil, die „Sozialistische Partei der Ukraine“ von Alexander Moros bekam 5,67 % und die „Kommunistische Partei der Ukraine“ 3,66 % der Stimmen.

Nach 4 Verhandlungsmonaten wurde dann eine Koalition zwischen den Parteien von Janukowitsch, Juschtschenko und Moros gebildet.

Die Landwirtschaft der Ukraine

Seit jeher zählen die Ackerflächen der Ukraine zu den ertragreichsten Gebieten Europas.

  • Boden

Rund 60 % der Ackerflächen sind Schwarzerdeböden (Tschernoseme).

Der A-Horizont beträgt im Durchschnitt 1 – 1,5 m und hat meist einen hohen Tongehalt, worauf auch der Kalireichtum des Bodens beruht.

Der Humusgehalt auf den Schwarzerdeböden beträgt 4 bis 9 % und würde eine hohe Bodenfruchtbarkeit zur Folge haben.

 

  • Klima

Die Ukraine hat ein gemäßigt kontinentales Klima mit Niederschlagsmengen zwischen 300 mm im Süden und 700 mm im Norden des Landes. Hervorzuheben ist hier, dass meist ein trockenes Frühjahr und ein trockener Herbst bei der Aussaat Probleme bereiten.

Die Jahresdurchschnittstemperaturen liegen im Süden des Landes bei 10,2 ° C und im Norden bei 6,7 ° C.

Schneearme und kalte Winter mit bis zu -30 ° C sind die herausragenden Wettermerkmale des nördlichen Teiles, während im südlichen Raum eher die Trockenheit im Frühjahr und Herbst den Pflanzenbaubetrieben zu schaffen macht.

  • Geschichtliche Entwicklung

Nachdem unter den Zaren die Bevölkerung unterdrückt wurde, kam es im Jahre 1917 nach der Oktoberrevolution zur Machtübernahme Lenins. Im Jahr 1935 waren bereits 95 % der landwirtschaftlichen Betriebe kollektiviert.

Die Betriebe wurden verstaatlicht und so genannte Kolchosen oder Sowchosen geschaffen.

Anfang der 80er Jahre wirtschafteten mehr als zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe mit Verlusten.

Im Zuge der Perestrojka im Jahr 1991 und der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine entstand eine neue Form der Landwirtschaftsbetriebe.

Die Entwicklung der Landwirtschaft

Die Mitarbeiter der Landwirtschaftsbetriebe bekamen Anteile an „ihren“ Betrieben und auch die Maschinen und Geräte wurden unter den Mitarbeitern aufgeteilt. Diese Anteile an den Flächen des Betriebes betrugen durchschnittlich zwischen 1,5 und 11 ha.

Die „neuen Grundbesitzer“ konnten sich nun entscheiden, ob sie diese Flächen selbst bewirtschaften oder meist ihren bisherigen Vorgesetzten verpachten. Daraus entstanden dann so genannte „private landwirtschaftliche Betriebe“.

Eine andere Form der Betriebsstruktur bestand darin, dass die Grundbesitzer eine Genossenschaft gründeten und mit ihren Grundanteilen an der Genossenschaft beteiligt waren. Die Vorsitzenden der Genossenschaften waren meist wieder die ehemaligen Verwalter der Sowchosen oder Kolchosen.

Beide Systeme hatten oder haben aber die gleichen Folgen.

In vielen Fällen hat sich eigentlich wenig geändert. Es sind dieselben Betriebsführer und dieselben Mitarbeiter, welche die Landwirtschaft führen.

Der Kauf von Betriebsstätten, Gebäuden und dem Maschinenpark ist möglich. Diese sind aber meist veraltet und sehr oft renovierungsbedürftig.

Hingegen ist der Erwerb von Grund und Boden in der Ukraine immer noch nicht möglich.

Für Investitionen müssen teure Kredite aufgenommen werden. Die Kreditzinsen der ukrainischen Banken betragen derzeit zwischen 17 und 20 %. Oft scheitern aber Kreditzusagen daran, dass der Betrieb außer alten Gebäuden und Maschinen der Bank keine Sicherheiten anbieten kann, da der Grund und Boden nicht dem Betrieb gehört.

 

  • Bodenzustand

Die größten Probleme der Ackerflächen in der Ukraine, wie auch in anderen osteuropäischen Staaten, bestehen darin, dass die Böden massive Degradationen durch Schadverdichtungen aufweisen.

Durch eine über Jahrzehnte falsche und unbedachte Bodenbearbeitung bestehen in einer Tiefe von 30 bis 40 cm Verdichtungshorizonte. Überschwere Zugmaschinen mit ungeeigneten Bodenbearbeitungsgeräten wurden ohne Rücksichtnahme auf die Befahrbarkeit der Böden eingesetzt.

Diese Degradationen führen zu einem massiven Auftreten von Wurzelunkräutern, wobei in erster Linie die Quecke auf 60 bis 70 % der Ackerflächen anzutreffen ist.

Trotz dieses oft extrem starken Auftretens von Wurzelunkräutern ist die Scheibenegge das am meisten eingesetzte Bodenbearbeitungsgerät.

  • Erträge

Durch die bestehenden Degradationen und durch eine oft viel zu intensive Bodenbearbeitung ist auch das Bodenleben stark reduziert, sodass die Erträge weit unter dem Ertragspotential liegen.

Obwohl die Ukraine zu den Trockengebieten Europas zählt, erfolgt oft eine wesentlich zu tiefe und vor allem eine viel zu intensive Saatbeetbereitung. Auch die Säqualität mit den oft noch aus sowjetischen Zeiten stammenden Sämaschinen entspricht nicht den Anforderungen einer modernen Aussaattechnik.

Durch die zu lockere und meist nicht verdichtete Bodenoberfläche kommt es vor allem bei Winterkulturen regelmäßig zu enormen Mindererträgen nach Ausfrostungen.

Tabelle 1: Erträge aus dem Pflanzenbau

Kulturen

Ertragspotential

Durchschnittserträge

Statistischer Landesdurchschnitt *)

Getreide

8.000 kg je ha

4.500 kg je ha

2.580 kg je ha

Sonnenblumen

4.000 kg je ha

2.200 kg je ha

1.410 kg je ha

Körnermais

14.000 kg je ha

6.500 kg je ha

4.230 kg je ha

Zuckerrüben

70.000 kg je ha

35.000 kg je ha

25.500 kg je ha

*) Quelle: WKO – Außenwirtschaft Österreich (Stand 3.10.2005)

Aufgrund der niedrigen Erträge sind manche Betriebe nicht einmal in der Lage, die notwendigen Betriebsmittel (Treibstoff, Dünger, Pflanzenschutz) aufzubringen, um eine einigermaßen normale Bewirtschaftung durchzuführen.

Hier „beißt sich die Katze buchstäblich in den eigenen Schwanz“. Keine rechtzeitige Bodenbearbeitung, keine Düngung, kein Pflanzenschutz und degradierte Böden tragen dazu bei, dass der Betrieb nicht mehr in der Lage ist, die gesamten Flächen zu bewirtschaften.

Daher werden tausende Hektar von besten Ackerböden nicht bewirtschaftet.

  • Landmaschinentechnik

Nach der Unabhängigkeitserklärung erhielten die Mitarbeiter der Betriebe nicht nur Ackerflächen zugewiesen, sondern es wurden auch die Maschinen unter den einzelnen Mitarbeitern aufgeteilt.

So kam es, dass ein Traktor oder eine Landmaschine im Besitz mehrerer Personen war und diese Landmaschine dem Betrieb „verpachtet“ wurde.

 

Ein allfälliger Verkauf einer Maschine scheiterte oft daran,

  • dass ohnedies keine Verkaufsmöglichkeit bestand oder

  • dass sich die Besitzer der Maschine nicht über einen Verkauf einigen konnten.

Aufgrund der Finanzschwäche der Betriebe sind die Betriebsführer vielfach nicht in der Lage, notwendige Investitionen durchzuführen.

Entwicklung der Landwirtschaft seit 1991

Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 ging es mit der Landwirtschaft bergab. De Tiefststand erreichte die Wirtschaft in den Jahren 1995 bis 1997.

1997 erwirtschafteten 87,4 % der ukrainischen landwirtschaftlichen Betriebe Verluste (Cramon-Taubadel, 1999, S. 182). Seit dem Jahr 2000 ist eine deutliche Verbesserung der Wirtschaftlichkeit feststellbar.

Viele defizitäre Betriebe wurden aufgelöst und an besser wirtschaftende Großbetriebe angeschlossen. Dadurch gibt es immer mehr Betriebe mit Größen von mehr als 10.000 ha. Die Übernahme maroder Betriebe erfolgt meist im Interesse der vielen kleinen Grundbesitzer, weil diese dadurch zu Pachteinnahmen kommen. Weiters haben die Grundbesitzer die Möglichkeit, am Großbetrieb mitzuarbeiten oder sogar beteiligt zu sein.

Trotzdem muss festgestellt werden, dass die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe noch immer sehr zögerlich vor sich geht.

Die Ursache dafür ist sehr vielseitig.

Einerseits liegt es noch immer am postkommunistischen System.

Oft entscheiden die Finanzchefs eines Betriebes über den Ankauf von Betriebsmitteln, obwohl sie keine Ahnung von der landwirtschaftlichen Produktion haben. Dadurch kommt es vor, dass ertragssteigernde Betriebsmittel (Dünger, Qualitätssaatgut) nicht in der notwendigen Menge genehmigt werden oder aufgrund der geringen Erträge wirklich keine Finanzmittel zur Verfügung stehen.

Es gibt aber auch eine beträchtliche Anzahl von Betrieben, wo die Betriebsleitung aus wirtschaftlichen Fachleuten besteht. Diese Betriebe nehmen seit den Jahren 2003  bis 2004 eine rasante positive Entwicklung.

Investitionen in Maschinen und Gebäude tragen dazu bei, dass erstklassige Produkte produziert und auch zu entsprechenden Preisen abgesetzt werden können.

 

In der Bodenbearbeitung ist noch ein riesiger Nachholbedarf. Die Bodenverdichtungen müssen beseitigt werden und eine nachhaltige Bodenverbesserung angestrebt werden.

Da die Böden der Ukraine zu den Besten Europa zählen, sollten auch die Ertragspotentiale ausgeschöpft werden. Leider gehen hier sehr viele Unternehmer, Landmaschinenverkäufer und auch Pseudoberater den falschen Weg.

Minimalbodenbearbeitung soll dazu beitragen, dass die Kosten gesenkt werden und der Einsatz von Agrochemie soll das Problem der Wurzelunkräuter beseitigen. Dass aber die bestehenden Wurzelunkräuter aufgrund der herrschenden Bodendegradationen weiter Überhand nehmen, wird nicht beachtet.

Daher gehen wir im Zuge unserer Beratungstätigkeit den Weg einer nachhaltigen und ökologischen Bodenbearbeitung.

Die Beseitigung der Schadverdichtungen erfolgt mit Tiefenlockerer (35 bis 40 cm) und das Einmischen organischer Substanzen (Stroh, später auch Zwischenfrüchte) soll zu einer Verbesserung der Bodensubstanz und des Bodenlebens führen.

Mehrere Betriebe haben mit großem Erfolg die ersten Schritte der Umstellung bereits durchgeführt und können sichtbare Kostensenkungen und Ertragssteigerungen feststellen.

In der Tierhaltung gibt es ebenfalls große Fortschritte auf einigen wenigen Betrieben. Auch hier muss oft festgestellt werden, dass bei Investitionen ungeeignete Stückwerke anstatt eines Betriebsentwicklungskonzeptes angetroffen werden.

Immer mehr Betriebe erkennen aber die Notwendigkeit einer umfassenden Beratung, eines Entwicklungsplanes und der Abstimmung von Investitionen auf die Ziele des Gesamtbetriebes.

 

Ein großes Problem in der Rinderhaltung liegt vielfach in der Futterqualität.

Schlechte Futtererntetechnik und eine unzureichende Futteraufbereitung und Ergänzungsfütterung sind die Ursachen für geringe Milch- und Mastleistungen. Auf manchen Betrieben kann man feststellen, dass zwar Melkstände angeschafft werden, aber das Grundfutter, und hier vor allem die Silagen als minderwertig oder verdorben eingestuft werden müssen.

Betriebsentwicklungen

Während leider ein Großteil der Betriebe auch in den nächsten Jahren keine positive Entwicklung erfahren wird, gibt es doch einige Betriebe, welche einen vernünftigen Weg der Betriebsentwicklung eingeschlagen haben.

Die Betriebserfolge sind auch in der Ukraine natürlich vom Betriebsmanagement, von der Qualität der Mitarbeiter und von der Möglichkeit der Vermarktung abhängig.

Das Betriebsmanagement und die Qualität der Mitarbeiter wieder ist abhängig von der Weiterbildung, Fachberatung und von der Schaffung von Rahmenbedingungen für permanente Informations- und Fortbildungsmöglichkeiten.

Zukunftsorientierte Betriebsentwicklungspläne liegen sehr selten vor, sodass sehr oft Investitionen punktuell gesetzt werden, ohne das Gesamtbetriebsergebnis positiv zu beeinflussen.

In der gesamtbetrieblichen Beratung liegt die Chance der Landwirtschaft in der Ukraine. Allerdings muss festgestellt werden, dass ein landeseigenes Beratungsnetz nicht vorhanden ist und ausländische Beratungsinstitutionen sehr oft die regionalen Produktionsbedingungen und die Mentalität der Ukrainer außer acht lassen.